Ein Blick ins Fotoalbum

von Thierry Mugler

Ein Blick ins Fotoalbum von Thierry Mugler

 

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TRAUMFRAU
»Das ist Jerry Hall neben mir, backstage 1995 nach meiner Show in Paris. Eines meiner Lieblingsfotos. Jerry ist seit Beginn meiner Zeit als Modeschöpfer wichtig für mich, sie begleitet meine Arbeit seit Jahrzehnten. Ich habe sie in den Siebzigern in Paris kennengelernt, als sie noch keine zwanzig war. Damals war sie eine Art wahr gewordener amerikanischer Traum. Ein Mädchen von mehr als einem Meter achtzig Größe, ellenlanges blondes Haar wie bei einer Meerjungfrau, ich erinnere mich genau an die erste Begegnung. Sie trug einen engen Catsuit, dazu ein Tuch, hohe Schuhe, sonst nichts. Wow, so ein Auftritt war damals sensationell, da stand einem eine Powerfrau gegenüber – Jerry hat auf der Straße Autounfälle verursacht. Was ich am meisten an ihr liebe: dass sie ein großes Herz hat, dass sie ihren scharfen Verstand gebraucht und witzig ist. Das sieht man ihr auch an. Da geht es nicht nur um Schönheit, es ist die Ausstrahlung. Zu diesem Kleid hier zum Beispiel, über und über mit Kristallen besetzt, gibt es natürlich passende High Heels. Als wir einmal kurz vor einem gemeinsamen Auftritt standen, sie in dem Kleid, ich neben ihr, sehe ich, dass sie Turnschuhe anhat. Turnschuhe! Ich sage zu ihr, Jerry, was soll das mit den Schuhen, wo sind die anderen? Sie blieb völlig ungerührt und sagte: Thierry, hör zu. Wenn die Leute da draußen wirklich nur auf meine Füße achten – dann sollten wir uns Sorgen machen. Das ist Jerry.«

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Diana
Ah, Miss Ross – ein schönes Foto! Diana Ross war mehrere Male bei meinen Schauen auf dem Laufsteg, und sie war immer großartig. Vor ein paar Monaten bin ich wieder auf das Video einer Show von 1990 gestoßen. Man muss das sehen, wie sie tanzt, die Wahnsinnshaare, ihr Lachen. Dieses Foto entstand ein paar Jahre später bei der Präsentation meines Parfums Angel in New York. Das Größte sind natürlich ihre Songs. „Ain’t No Mountain High Enough“, ich liebe das, sensationell. Und sie fing damit an, von der Bühne mitten ins Publikum zu gehen, unter die Leute. Heute macht das jede, Beyoncé, all die anderen. Miss Ross war die Erste.«

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Staatsakt
»1984 hat der französische Präsident mich und andere Couturiers im Élysée-Palast empfangen. François Mitterrands Frau Danielle trug gerne Mugler und kam auch zu meinen Schauen bei der Fashion Week. Mit dabei bei der Feierlichkeit waren Sonia Rykiel, Kenzō, Pierre Bergé. Und die zierliche Dame mit Turban, das ist Madame Grès, eine Legende der Pariser Couture. Ich stehe hinter Mitterrand, neben mir sieht man Jack Lang, den Kulturminister. Lang hat unheimlich viel für die Mode in Frankreich getan. Für ihnwar sie eine Kunstform, die zum nationalen Erbe gehört, so drückte er das aus. Ein paar Monate nach diesem Foto, im Frühjahr 1985, kam es zum berühmten Skandal um sein Jackett in der französischenNationalversammlung. Ichhatte eine Jacke entworfen im Mao-Stil, schmal, gerade, oben mit Stehkragen. Lang trug also meine Jacke im Parlament, in dem damals Krawattenpflicht herrschte – bloß natürlich ohne Krawatte, weil das nicht geht bei diesem Schnitt. Er tritt ans Rednerpult, und es gibt einen enormen Aufruhr, ein Getöse und Protestieren. Nicht nur ein paar Zwischenrufe, das geht eine ganze Weile so. Offenbar war der Anblick für manche Abgeordnete ein Schock. Unglaublich, was ein Kleidungsstück auslösen kann.«

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Außerirdisch
»Die Premiere von „The Wyld“, meiner Show am Friedrichstadt-Palast in Berlin. Als ich 2014 die Idee entwickelte, sagte ich zum Intendanten: Ihr habt in Berlin das schönste Model der Welt! Hat er natürlich gestaunt und kam nicht darauf, dass ich Nofretete meinte, die wunderbare Büste der Königin im Ägyptischen Museum. In der Show geht es um ihre Geschichte, Aliens, eine Lovestory – ein wilder Mix, wie Berlin selbst. Ich lebe dort und mag die Kontraste der Stadt sehr. Es gibt die durchwachten Nächte, die Clubs, die verrückten Künstler – aber auch ein ganz normales, beschauliches Leben. Das ist einmalig.«

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Venus
»Ich habe seit 20 Jahren keine Haute Couture mehr gemacht, erst 2019 kam die Rückkehr: mit dem Kleid für Kim Kardashian beim Met Ball in New York.Da geht es um Superlative, bombastische Roben, immer mehr Make-up. Mein Kleid greift ein simples Kalifornien-Strand-Motiv auf, das Wet T-Shirt – hauteng, die Kristalle symbolisieren Wassertropfen. Sie sind sogar an Kim Kardashians Fingernägeln befestigt. Bei jeder Bewegung gibt es ein leises Klirren. Die
Frau aus dem Wasser: Das ist seit dem Altertum ein klassisches Motiv. Es taucht bei Botticelli auf, später bei Sophia Loren, Jacqueline Bisset und vielen anderen.«

 

Protokoll von Anne Goebel, Süddeutsche Zeitung, 17.10.2020
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