Insides zur Ausstellung

Interview mit dem Kurator Dieter Buchhart

Als Kurator der Keith-Haring-Ausstellung konnte die Kunsthalle den renommierten Haring-Spezialisten Dieter Buchhart gewinnen.
Beim Ausstellungsaufbau nahmen wir ihn für ein Interview zur Seite.

Der Fokus der Ausstellung liegt auf den politischen und sozialkritischen Aspekten von Harings Lebenswerk. Wie kann man sich das in der Umsetzung vorstellen?

Keith Haring lebte und arbeitete zu einer Zeit voll kreativen Umdenkens und künstlerischer Umtriebigkeit, die jedoch überschrieben war mit einer getrübten Wahrnehmung der Gegenwart und einem durchaus pessimistischen Ausblick in die Zukunft: Apartheid und Umweltzerstörung, der massenmediale Overkill, die atomare Bedrohung durch den Kalten Krieg und die Angst vor der großteils noch mysteriösen und stets tödlichen Krankheit Aids bewegte die Menschen und die Kunst.

Haring griff all diese virulenten Themen auf, ohne selber Parteipropaganda zu betreiben. Er ließ sich nicht vereinnahmen, sondern wählte seinen ganz eigenen persönlichen und künstlerischen Weg zu den brennendsten Fragen seiner Zeit. Dass er z.B. kaum Titel für seine Werke wählte, zeigt schon, dass er keine eindeutigen Aussagen treffen wollte, sondern dem Betrachter seiner Kunst Freiheiten zur eigenen Interpretation ließ.

So finden sich Themen, wie die Unterdrückung des Individuums durch den Staat, die Ausbeutung der Menschen durch den exzessiven Kapitalismus, die dogmatische Religionsauslegung, oder auch alltäglicher Rassismus bis hin zu seiner äußersten Steigerungsform in der Apartheid. Er beschäftigte sich mit der Zerstörung unserer Umwelt und kämpfte einen Kampf gegen Aids und die Stigmatisierung der Infizierten.

Dabei übersetzte er die intensive Auseinandersetzung mit den großen Fragen seiner Zeit in seinen einzigartigen künstlerischen Stil. Kein anderer Künstler fand eine derart deutliche neue Sprache aus Symbolen, Zeichen und Icons, wie Haring.

Die Ausstellung hat sowohl eine chronologische, als auch thematische Abfolge: Zu Beginn sieht man ganz deutlich, wie Haring in seinen frühen Zeichnungen und Storyboards nicht nur seinen Stil und seine so typischen Icons entwickelte, sondern auch, welche Themen für seine spätere Arbeit zentral werden würden. Seine durchgehende Beschäftigung mit all dem, was ihm wichtig war, wird dann anhand von thematischen Räumen gezeigt; bis hin zu seinen letzten Werken – nach gerade einmal zehn Jahren intensivster künstlerischer Tätigkeit.

 

Keith Harings Einfluss ist auch 25 Jahre nach seinem Tod noch deutlich spürbar. Warum ist seine Popularität auch heute ungebrochen?

Weil sein Werk weiterhin höchst brisant ist, sowohl in seiner Bildsprache als auch wegen seiner Themen. Sein sozialkritisches Agieren hat in den wenigen Jahren seit seinem Tod kein bisschen von seiner Aktualität verloren. Haring hat nicht nur eines der wohl wichtigsten Werke im öffentlichen Raum hinterlassen: Die Subway-Zeichnungen waren mit ihren geschätzten 12.000 Stück das bis dato umfassendste Werk im öffentlichen Raum. Haring beeinflusst bis heute auch die jüngste Generation von Künstlern von der Street Art bis hin zur Malerei.

Sein Pop Shop, den schon Leo Castelli als Gesamtkunstwerk verstanden hatte, wäre spätestens auf der Documenta 1997 als kritisches Werk gegen Kapitalismus und für die Demokratisierung der Kunst wahrgenommen worden. Damals jedoch empfand die alteingesessene Kunstszene diesen Weg Harings noch als zu populistisch.

Haring war äußerst skeptisch gegenüber den neuen Massenmedien von der VHS bis zum PC. Gleichzeitig nutzte er sie aber für die Verbreitung seiner Kunst: Es gab für Haring nichts Schlechtes per se, es kam für ihn auf den richtigen Umgang mit den neuesten Möglichkeiten an.

 

Welches Werk hat für Sie eine besondere Bedeutung in der Münchner Ausstellung?

Im Münchner Kontext ist z.B. »Silence = Death« [Schweigen = Tod]: Das rosa Dreieck übernahm Haring von dem sog. ›Rosa Winkel‹, der in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, z.B. wenige Kilometer von München entfernt, im KZ Dachau, als Kennzeichnung für Homosexuelle verwendet wurde. Nach 1945 wurde der Winkel in Homosexuellenbewegungen als Protestsymbol genutzt; so auch von der Aids-Interessenvertretung ACT UP, in der Haring aktiv war und für die er u. a. Plakate entwarf. Die Adaption einer solch grauenhaften Symbolik in seinem Werk in Kombination mit dem impliziten Aufruf, die Geschichte nicht zu vergessen und mündig zu werden, macht dieses Werk einzigartig.

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