Günther Uecker

Eine Retrospektive

19. Juni – 15. August 1993

Günther Uecker gehört zu den Künstlern, die bereits seit der Nachkriegszeit beständig einen wesentlichen Beitrag zur deutschen und internationalen Kunstentwicklung leisten. In dieser Austellung war er erstmalig in München mit einer umfassenden Retrospektive zu sehen – von den Bildern des Frühwerks über die zahlreichen Nagelarbeiten und kinetischen Lichtscheiben bis zu den »Nagelwäldern« und Aschebildern der jüngsten Zeit. Die Ausstellung zeigte über 100 Werke aus öffentlichen und privaten Sammlungen.

Ost und West vereint

Wir erleben heute auf geradezu dramatische Weise, wie Europa nach dem Zerfall der Ideologien und der Feindbilder nach einer neuen Ordnung sucht. Was früher als »West-« und als »0stkunst« auseinanderdividiert wurde, soll nun zusammenwachsen und einen Standard setzen, obwohl viele Künstler bereits nach dem Krieg ihr Werk im Rückgriff auf die gemeinsame europäische Tradition begründeten. Günther Uecker gehört zu ihnen.

Von Wustrow nach Düsseldorf

1930 in Mecklenburg geboren und auf der Halbinsel Wustrow unter dem damaligen DDR-Regime aufgewachsen, ging er schon 1953 in den Westen und studierte – unter anderem bei Otto Pankok – an der Kunstakademie Düsseldorf, wo er mit Heinz Mack und Otto Piene zusammentraf, die ZERO gründeten, eine Bewegung, der sich Uecker anschloss. Sie ging über nationale Grenzen hinaus und verband sich mit Kräften, die einen neuen Anfang suchten, einen neuen Bereich künstlerischer Freiheit und Sensibilität.

Strukturelement Nagel

Auch Uecker siedelte sich dort an, obwohl er durch seine aggressiven Nagelobjekte und auch Nagelaktionen in dieser lichten Welt, an der er teilnahm, ein Fremdkörper blieb. Denn er hatte nicht nur den Nagel als Strukturelement, sondern auch das Nageln selbst bildwürdig gemacht, den tätigen und handelnden Künstler, der sich in einfachen Arbeitsritualen im Bild und im Objekt verwirklichte. Das war in den späten 50er und 60er Jahren eine durchaus neue Sprache, die der damals ausbrechenden visuellen Euphorie entgegenstand.

Große Ausstellungen

Dass er sich, obwohl zunächst von Yves Klein, Fontana und Manzoni beeinflusst, später auf Malewitsch und Strzeminski berief, zeigt die andere Gefühlslage seines Werkes, mit dem er lange vor dem Fall der Mauer in Deutschland, einen Brückenschlag vom Westen zum Osten hin versuchte, den er in vielen Ausstellungen und ganz unabhängig von damaligen Trends auch bestätigte. 1964 mit ZERO auf der documenta in Kassel vertreten, nahm er 1970 an der Biennale in Venedig teil sowie an der ersten Ausstellung der deutschen Gegenwartskunst in Warschau, um schließlich 1988 seine bis dahin größte Einzelausstellung in Moskau – zugleich die erste Ausstellung eines prominenten zeitgenössischen »West«- Künstlers in der damaligen UdSSR – zu haben. 

Kritische Reflexion der eigenen Zeit

Die Retrospektive in München gab in ihrer Betonung der frühen und auch der späten Arbeiten von Günther Uecker einen neuen Begriff dieses Werkes, das sich zwischen Protest gegen die Zerstörung der Welt, Meditation und visueller Präsenz zu einer kritischen Reflexion der eigenen Zeit entwickelt hat, die sich in dieser direkten Sprache sonst kaum nachweisen lässt.