Giacometti, Hodler, Klee …

Höhepunkte der Schweiz aus sieben Jahrhunderten

17. September 2010 – 9. Januar 2011

Das Kunstmuseum Bern ist das älteste Museum der Schweiz mit einer permanenten Sammlung. Im Herbst 2010 konnten 166 Meisterwerke aus dem Bestand dieses Hauses in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München gezeigt werden. Ausgewählt wurden Gemälde, Papierarbeiten und Skulpturen von 62 Schweizer Künstlern. Die Auswahl repräsentierte nicht nur die Sammlung des Kunstmuseums, sondern spiegelte auch die Entwicklung der Kunst unseres Nachbarlandes.

Typisch Schweiz

Lässt sich mit einem Blick über die Jahrhunderte etwas spezifisch Schweizerisches feststellen? Können bestimmte Sujets oder Formensprachen für ein Land aus der Summe seiner Kunstwerke herausgefiltert werden? Wie definiert man eine nationale, eine Schweizer Kunst? Sind es Werke von Künstlern, die in Schweizer Kantonen geboren wurden, auch wenn sie an ganz anderen Orten lebten und außerhalb ihrer Heimat Ruhm erwarben? Müssten nicht auch solche Arbeiten gezeigt werden, deren Schöpfer in der Schweiz wirkten und dort Schule machten, selbst wenn sie keinen eidgenössischen Pass erhielten? Die Ausstellung stellte sich bewusst diesen Fragen und erlaubte jedem Besucher, anhand einer Vielzahl von Meisterwerken einen neuen Blick auf die »Schweizer Kunst« zu werfen.

vom Beginn der Eidgenossenschaft bis in die 1960 Jahre

Die Ausstellung begann mit einer Altartafel aus dem Jahr 1505, kurz nachdem die Eidgenossenschaft als vom Heiligen Römischen Reich unabhängig anerkannt wurde. Porträts aus dem 16. bis 18. Jahrhundert (darunter von Joseph Heintz d. Ä. und Jean Étienne Liotard) zeigten, wie stark der Protestantismus die Bildkunst der Alpenrepublik beeinflusste. Majestätische Bergpanoramen (Caspar Wolf bis Alexandre Calame) reflektierten die Idee eines Nationalstaats, wie ihn Schillers »Wilhelm Tell« (1804) verklärt und wie er seit 1848 auch völkerrechtlich anerkannt wurde.

Künstlerräume von Albert Anker und Karl Stauffer-Bern über Giovanni Segantini und Arnold Böcklin bis zu Ferdinand Hodler und Félix Vallotton verdeutlichten eine unabhängige künstlerische Entwicklung, die auch außerhalb der Kantonsgrenzen an Bedeutung gewann. Von Hodler allein waren 13 Gemälde zu sehen, darunter seine symbolistischen Hauptwerke Der Tag und Die Nacht sowie Der Auserwählte und Eurythmie. Schon diese außergewöhnliche Hodler-Präsentation lohnte einen Ausstellungsbesuch.

Mit der Familie Giacometti – den Vettern Augusto und Giovanni (dem Vater Albertos) – und Cuno Amiet wurde die Schweizer Auseinandersetzung mit dem Neoimpressionismus verdeutlicht. Louis-René Moilliet und Johannes Itten vertraten als Mitglieder des Blauen Reiter beziehungsweise des Bauhauses weitere künstlerische Entwicklungslinien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Ersten Weltkrieg fand Ernst Ludwig Kirchner in Davos die Ruhe, seine zweite Karriere aufzubauen. Mit seinem Spätstil prägte er die Schweizer Kunst.

Mitte der 1920er Jahre begründet der Kreis um André Breton in Paris eine neue Geisteshaltung. Der Surrealismus öffnet der Kunst die Welt des Unterbewussten und gibt Außenseitern wie Adolf Wölfli eine Plattform. Berühmtester Bildhauer des Surrealismus wird der junge Schweizer Alberto Giacometti, der nach der Krise des Zweiten Weltkriegs jedoch eine unabhängige Entwicklung einschlägt. Ebenso ein Einzelgänger ist Paul Klee, der mit 16 Arbeiten in dieser Ausstellung vertreten war, was die besondere Bedeutung dieses in Bern geborenen Künstlers in seiner Heimatstadt hervorhebt.

Werkgruppen von Sophie Taeuber-Arp und Meret Oppenheim zeigten, welch wichtige Rolle in der Schweizer Kunst auch Frauen spielen. Eine Tradition, auf die die international gefeierte Pipilotti Rist aufbaut.

Parallel zu den gegenständlichen Versuchen, die Kunst zu erneuern, entwickeln sich ab 1910 auch überall abstrakte Avantgarden, wie die Konstruktivisten in der Sowjetunion oder De Stijl in Holland. Ziel der Konkreten Kunst ist es, den Bildinhalt vom rein Gegenständlichen, Erzählerischen zu befreien und in eine Darstellung von Struktur zu überführen. Hier zeigen sich die Schweizer Künstler wie Max Bill als Zeitgenossen einer Europäischen Moderne. Spätestens jetzt kann man nicht mehr von einer Schweizer Kunst sprechen, sondern von einer internationalen Moderne.

»… [es scheint] fast, die Schweiz wäre von Gott für die Moderne vorbestimmt gewesen. Das Saubere, Sachliche und Berechenbare – die gediegene Seite der Avantgarde – scheint in die Schweizer Mentalität eingeflösst seit der Erschaffung der Alpen.«
Beat Wyss

Die Kehrseite dieser Schweizer Ordentlichkeit ist das Existentiell-Abgründige. Künstler wie Daniel Spoerri, Jean Tinguely und Dieter Roth verdeutlichen helvetische Doppelbödigkeit. Sie loten in der Nachfolge von DaDa im prozesshaften Erfahren von Wirklichkeit den Kunstbegriff aus und verwandeln Banales, ja Abstoßendes wie Müll oder Exkremente in Kunst. An internationalen Bewegungen wie Nouveau Réalisme, Eat Art, Fluxus und Happening sind so auch stets Schweizer beteiligt.

Parallel wird in den 1960er Jahren die Darstellung einer gegenständlichen Welt für viele Künstler wieder interessant. Sie bestimmen das Verhältnis von Fotografie und Malerei neu und auch hier zeigte sich mit Franz Gertsch der internationale Bezug zum amerikanischen Fotorealismus, der mit der Pop Art den Abstrakten Expressionismus ablöst.

Die Auswahl der Werke für diese Ausstellung wurde von Roger Diederen, Matthias Frehner und Christiane Lange getroffen. Im Anschluss an die Präsentation in München zeigte das Kunstmuseum Bern diese Zusammenstellung auch im eigenen Haus. Ab September 2011 wurde die Schau dann in konzentrierter Form noch im Nasjonalmuseet for kunst, arkitektur og design in Oslo gezeigt.

OK
Diese Website benutzt Cookies.
Mehr dazu finden Sie in unseren Datenschutzrichtlinien.