Dürer, Cranach, Holbein

Die Entdeckung des Menschen: Das deutsche Porträt um 1500

16. September 2011 – 15. Januar 2012

Die Ausstellung stand unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident, a. D. Christian Wulff.

In Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Museum in Wien präsentierte die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München eine Ausstellung zum deutschen Porträt um 1500. Rund 170 hochkarätige Kunstwerke – darunter Gemälde Albrecht Dürers (1471–1528), Lucas Cranachs d. Ä. (1472–1553) und Hans Holbeins d. J. (1497/98–1543) sowie Meisterwerke der Bildhauerei, Numismatik, Grafik und Zeichenkunst – zeigten, wie das Individuum um 1500 ins Zentrum des künstlerischen Interesses gerückt war und Künstler zu Entdeckern und Erfindern des Menschen avancierten.

Das deutsche porträt im vergleich

Die Ausstellung widmete sich dem Blick des Künstlers auf den Menschen am Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit im deutschen Sprachraum. Die frühe deutsche Porträtkunst war zuvor noch nie in einer eigens ihr gewidmeten großen Publikumsausstellung thematisiert worden. Denn allzu sehr hatten die Schatten altniederländischer oder italienischer Bildnisse den Blick auf die deutschen Beiträge zum Thema getrübt. Zwar dürfen sich die Niederländer rühmen, mit ihrem Naturalismus die Unverwechselbarkeit in der Abbildung des Menschen erst ermöglicht zu haben, und die Meister Italiens, dass sie durch die Spannung zwischen Idealisierung und Ähnlichkeit den Schönheitsbegriff einer ganzen Epoche, der Renaissance, prägten. Doch gelangte gerade auch die deutsche Bildnismalerei – an der Spitze ihre größten Exponenten: Dürer, Cranach d. Ä. und Holbein d. J. – zu hoch bedeutenden und sehr eigenständigen künstlerischen Leistungen, deren besondere Stärke in der authentischen Erfassung einer Person, gepaart mit der subtilen psychologischen Durchdringung der Dargestellten liegt.

Vielfalt der einflüsse

Die Anfänge einer Auseinandersetzung mit dem Individuum im 15. Jahrhundert wurden ebenso in den Blick genommen wie die herausragenden Manifestationen der Bilder vom Menschen in der anbrechenden Renaissance. Neuere Forschungsansätze, die Bildnisse mit Hilfe schematisierter Normierungen auf einer sozialhistorischen Ebene deuten, fanden dabei ebenso Berücksichtigung wie die Frage nach Kunstlandschaften oder der stilbildenden Rolle besonders herausragender Künstlerpersönlichkeiten, die im Zentrum der Schau standen. Auch persönliche und regionale Stiltendenzen wurden aufgespürt und anhand aussagekräftiger Exponate veranschaulicht. Neben den Vertretern der frühneuzeitlichen ständischen Gesellschaft repräsentierte die Ausstellung aber auch Personen, die meist nicht als Individuum für darstellungswürdig erachtet wurden, sondern nur als anonyme Gruppe ins Blickfeld der Zeitgenossen gerieten: etwa der niedere Klerus, Mönche, Bauern oder Handwerker. Dabei interessiert der analytische Blick ebenso wie die ironische, bisweilen auch herablassende Perspektive.

genera dicendi

Diese Ausstellung präsentierte hochkarätige Zeugnisse der größten Künstler ihrer Zeit, die verdeutlichen, was zeitgenössische Kunstanschauung als unterschiedliche genera dicendi (also die drei rhetorischen Grundarten) der Kunst verstand: das Erhabene, Bedeutende, für das Dürer steht; das Einfache, Schlichte, für das Cranach eintritt; und schließlich Holbeins bis dahin unerreichte Interpretation der Wirklichkeit, der Raum und Körper so naturgetreu wiederzugeben vermochte, dass sie im Bild greifbar erscheinen – drei sich wechselseitig befruchtende Positionen, die bis heute unser Bild der altdeutschen Kunst bestimmen.

Für die Ausstellung Dürer – Cranach – Holbein stellte die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien selbst wichtige Exponate, bereichert um Werke aus der Kunstkammer und anderen Abteilungen des Hauses. Diese Gruppe war mit hochrangigen Leihgaben europäischer und amerikanischer Sammlungen ergänzt, um den Besuchern einen einzigartigen Dialog mit Altdeutscher Porträtkunst zu ermöglichen.

Die Schau wurde kuratiert von Karl Schütz, dem ehemaligen Direktor der Gemäldegalerie am Kunsthistorischen Museum Wien, und Christof Metzger (KHM), sowie von Christiane Lange und Roger Diederen von der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München. Zur Ausstellung erschien ein umfassender Katalog beim Hirmer Verlag in München, der mit grundlegenden Essays ausgewiesener Experten sowie einzelnen Objektbeschreibungen die präsentierten Werke in ihrem künstlerischen und historischen Kontext eingehend würdigt.