Alfons Mucha

Meister des Jugendstils Retrospektive

9. Oktober 2009 – 24. Januar 2010

Das universaltalent

Nach Präsentationen im Wiener Belvedere und dem Musée Fabre in Montpellier zeigte die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung die einzigartige Retrospektive des tschechischen Künstlers Alfons Mucha (1860–1939). Der vor allem durch seine Plakatentwürfe, Buchillustrationen und Schmuckkreationen weltberühmte Repräsentant des Jugendstils hier in einem neuen Licht gezeigt wurde. Wie kaum ein anderer bewegte sich Mucha gleichzeitig in verschiedenen Kunstgattungen. So schuf er auch bedeutende Pastell- und Kreidezeichnungen, die sich fernab jeglicher dekorativer Formensprache bewegen und widmete sich ambitionierten Malereiprogrammen. Die wahre künstlerische Größe Muchas entfaltet sich neben seinen kurvilinearen Umrissen und der für ihn typisch verhaltenen Farbigkeit vor allem auch darin, wie er oftmals düstere Kapitel der Menschheitsgeschichte oder religiöse Themen visualisierte. Die über 200 Gemälde, Zeichnungen, Plakate, Juwelen, Stoffe, Skulpturen, Bücher und Objekte dieser Ausstellung fächerten die beeindruckende Vielfalt seiner künstlerischen Ausdrucksformen auf und verdeutlichten damit die Genialität Muchas.

Von der Ablehnung zum grenzenlosen erfolg

Nachdem Mucha 1878 das Eintrittsexamen an der Prager Kunstakademie nicht bestand, übersiedelte der junge Künstler 1879 nach Wien, wo er bis 1881 als Kulissenmaler tätig war. Neben dem Zauber des Theaters beeinflusste ihn die mondäne Kunst des Wiener Malerfürsten Hans Makart (1840–1884), was in dieser Ausstellung mit einem erst jüngst wiederentdeckten großformatigen Wandgemälde Makarts anschaulich wurde. Nach einem zweijährigen Studienaufenthalt in München (1885–1887) zog Mucha 1889 nach Paris, wo er mit seinen Plakatentwürfen, insbesondere für die Schauspielerin Sarah Bernhardt (1844–1923), weit über die Grenzen Frankreichs hinaus Ruhm und Ansehen erwarb.

Mucha und die pavillions

Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehörten die Rekonstruktion des Pavillons Bosnien-Herzegowina (1900) für die Weltausstellung in Paris, sowie die Präsentation von zwei monumentalen Gemälden aus dem vielteiligen »Slawischen Epos« (1910–1926). Diese Werkzyklen in Muchas künstlerischem Schaffen wurden zuvor wenig wahrgenommen. Dabei zählen seine für die unterschiedlichen Pavillons und Länder geschaffenen Beiträge zur Pariser Weltausstellung 1900 sicherlich zu den bedeutendsten Arbeiten Muchas. Nachdem er seine eigenen Pläne für einen »Pavillon de l’Homme« nicht realisieren konnte, erhielt der Künstler die Gelegenheit, mit den monumentalen Wandmalereien für den Pavillon Bosnien-Herzegowina letztlich doch einen wichtigen Beitrag für das Pariser Großereignis der Jahrhundertwende zu liefern. Auf mehr als 250 Quadratmetern Leinwand schilderte er die Geschichte der beiden einstmals osmanischen Provinzen, die 1878 in Folge des Berliner Kongresses von Österreich-Ungarn besetzt worden waren. Der Großteil dieser Wandbilder ist erhalten und war erstmals innerhalb der maßstäblich rekonstruierten Zentralhalle des Pavillons wieder zu sehen.

Obwohl Paris um die Jahrhundertwende immer noch als künstlerisches Zentrum galt, entschloss sich Mucha nach mehreren Besuchen in den Vereinigten Staaten, Frankreich 1910 für immer zu verlassen und wieder in sein Heimatland zurückzukehren. Ausschlaggebend für diesen Schritt war sicherlich nicht nur sein schwindender Erfolg in Paris, sondern auch ein Auftrag der Stadt Prag zur Gestaltung des Primatorensaals im Prager Repräsentationshaus »Obecní Dum« (1912). Auch Gemälde zu diesem Dekorationsprogramm sind in der Ausstellung zu sehen.

Rückkehr in die Heimat

Mucha hegte schon lange den Wunsch monumentale Werke zu schaffen, die sich mit der Geschichte seines Heimatlandes und den großen Themen der Menschheit auseinandersetzen. Die Unterstützung des amerikanischen Mäzens Charles R. Crane (1858–1939) ermöglichte ihm dann die Realisierung eines Zyklus mit 20 großformatigen Darstellungen zur Geschichte der Slawen: das so genannte »Slawische Epos« (1910–1926). Als Geschenk für die Stadt Prag konzipiert, befindet es sich derzeit in einem Schloss in Moravský Krumlov, unweit von Wien. In der Ausstellung waren zwei der Gemälde, sowie eine Anzahl von Skizzen, Studien und Übertragungszeichnungen der Serie zu sehen. Diese monumentalen Hauptwerke verdeutlichen nicht nur eine neue Entwicklung im künstlerischen Werdegang Muchas, sondern bilden letztlich die Synthese all seines bisherigen Schaffens und verschmelzen darin gleichzeitig seine Vorstellungen von der Rolle der slawischen Völker innerhalb Europas.

Wir danken unseren tschechischen Partnerinstitutionen dafür, dass diese wesentlichen Werkkomplexe erstmals in solchem Umfang ausgestellt werden können. Die Leihgaben für den Pavillon Bosnien-Herzegowina stammten aus den Sammlungen des Museums für angewandte Kunst, Prag sowie dem Musée d’Orsay, Paris. Die Gemälde des »Slawischen Epos« und des Primatorensaals in Prag waren Leihgaben der Galerie Hlavního Mesta Prahy (Galerie der Hauptstadt Prag). Eine solch umfassende Präsentation von Muchas Oeuvre wäre natürlich ohne die großzügige Unterstützung des Mucha Trust undenkbar gewesen. Ihm gilt unser Dank ebenso wie den zahlreichen internationalen öffentlichen und privaten Sammlungen, die uns Werke als Leihgaben zur Verfügung gestellt haben. Wir freuen uns, mit dieser internationalen Ausstellungskooperation eine neue Sicht auf diesen wahrhaft europäischen Künstler präsentiert zu haben.

Dr. Jean-Louis Gaillemin hat als Kurator dieses Projektes gemeinsam mit Dr. Roger Diederen, Kurator der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, die Ausstellung für München zusammengestellt.